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Montag, 19. Februar 2018

eingebürgert: Bordelaise à la bière


Unterwegs wird automatisch immer wieder die Frage nach der Herkunft gestellt: *Where are you from?* Und diese Reise nehme ich mir ausführlicher Zeit, nenne nicht nur das *Passwort*, sondern antworte: *I am German, but I live in France. So.... Jürup.* Dabei spreche ich Europa absichtlich so aus, dass es klingt wie ein türkischer Badeort, denke innerlich vergnügt daran, dass ich von denen ja schon Frisur hatte (Insider), mache während der kleinen Punktpunkptpunktkunstpause eine Pu-der-Bär-Tanzbewegung und zucke gleichmütig mit den Schultern. Denn so GANZ fühle ich mich eigentlich auch nicht als Europäerin.

Ich bitte euch: bin ich Kleingeist? Wie oft passt der Zwergenstaat Europa allein in Afrika? Schaut euch den Globus an - 12x bestimmt. Nein, da denke ich größer, BIGGER. Es ist dringend angebracht, nicht ständig, alles und jeden präziser spezifizieren zu wollen, sondern zwischendurch wieder vereinfachender, verallgemeinernder, verbindlicher, zusammenhängender zu denken. Unübersehbar, unwiderruflich, unumkehrbar mischt sich gerade die Erdenbevölkerung in allen Ländern kunterbunt durcheinander in allen nur vorstellbaren Konstellationen. Übrigens inklusive der Natur. Ich bin Weltenbürgerin.

Mich da aufs Deutschtum festzulegen. Echt nicht. Überhaupt: was ein Wasserkopf an Gnom muß man sein, um etwa an solche Mären wie Reinrassigkeit zu glauben? Dafür darf man wohl nie Ahnenforschung betrieben haben. Zumindest nicht sorgfältig. Oder hat nicht alles rausgefunden - all die Kriege, all die Völkerwanderungen, all die Kuckuckskinder... tsss, reinrassige Utopie. Wie wohl einst hanegebücht wurde für den Ariernachweis mit Hilfe der Kirche? Man will es gar nicht wissen. Und mal ehrlich: wie langweilig wäre es, tatsächlich nur deutsche Vorfahren zu haben. Da erinnere ich mich an meine *Astrologie-Enttäuchug*: Was, es gibt noch einen Aszendenten? Ja, toll! Was bin ich denn noch? Welcher Aspekt kommt hinzu? Nochmal Schütze? Doppelschütze? Ohhh, hab' ich gemacht, und ein langes Gesicht. 

Reinrassigkeit. Dazu fällt mir Inzest ein samt den Bildern der spanischen Königsfamilie von Velásquez und die überzüchteten Rassehunde mit Hüftschäden und Atemnot. Da will man doch nicht freiwillig dazugehören. Nein, machen wir uns nix vor, wir sind alle - direkt sichtbar oder nicht - Mulatten, Kanacker, Mischlinge, Promenadenmischlinge.... Und das ist gut so. Deshalb sind wir Menschen so robust.

*Nationality, that's only decoration for us* schiebe ich so großspurig wie ichs nur irgendwie hinbekomme hinterher. Mit dem Resultat mich wirklich häufig an wunderbaren Reaktionen erfreuen zu dürfen. Hoffnungfrohen, menschlichen, brüderlichen Reaktionen. Ja, ich gehöre der Rasse Mensch an, ich bin kein Fuchs, ich bin kein Has', bin keine Pflanze, kein Tier und kein Alien. Ich bin eine von acht Milliarden Menschen. Eine von sehr vielen. Und eigentlich, so streng genommen, als Bewohnerin dieses Planeten genannt Erde, gehöre ich auch mit zu den Pflanzen und Tieren. Und bei den Außerirdischen müßte ich nachfragen, ob vielleicht von demselben Sonnensystem. Oder ob man sich einfach auf das gleiche Universum einigen könnte. 

Eingebürgert Richtung Deutschland - klischeemäßig - dank dem zugefügten Bier habe ich für heute das Bordelaise. Ein Brot, von dem man gar nicht genügend Varianten backen kann... in meiner Backstube, nach meinem Geschmack.


Zutaten 2 750g Laiber:

Sauerteig - Reifezeit etwa 12-14 Stunden
130g T110
160g Wasser
12g Weizen-ASG

Quellstück - angesetzt mit Sauerteig, dann abgedeckt in Kühlschrank
35g Chia
100ml Wasser

Hauptteig:
ST
250g Emmer-Vollkorn
50g Rogen-Vollkorn
450g Ruchmehl
16g Salz
1 Flasche Bier (330ml)
100-120ml Wasser 
Quellstück

Zubereitung:

Mehle ohne Salz und Chia und mit 100ml Wasser vermengen und 30min Teigruhe. Nun ca-8-10min kneten, bis sich der Teig vom Schüsselrand löst, dabei Salz zufügen, Chia und schlückchenweise - je nach Teigbeschaffenheit noch etwas Wasser.

Teigruhe 2 Stunden, dabei 2 Mal nach je 40 Minuten falten. Den Teig auf eine gut bemehlte Fläche gehen, teilen, zu zwei länglichen Teiglinge formen und in Gärkörbchen verfrachten.

Dann Gare nach Wunsch, bzw. nach Temperatur: 12-15 Std. bei 5-7° im Kühlschrank oder ca. 2-2,5 Std. bei 20-25° - m: 4 Stunden im Kühlschrank und anschließend eine gute Stunde bei Zimmertemperatur

Bei 240° mit viel Feuchtigkeit einschießen und fallend auf 180° 50 Minuten backen. Dann auf Heißluft umschalten und 5 weiter Minuten bei leicht geöffneter Backofentür knusprig backen.


Samstag, 17. Februar 2018

Happy New Dog: Kastanien-Pfannkuchen mit Ras-el-Hanout-Wirsing


In der Knospenzeit habe ich mir viele T-Shirts selbst gestaltet. Eines schwebte mir lange Zeit im Kopf - eigentlich bis heute - kam aber nie zur Ausführung: *Gegen Geduld*. Meine größte Untugend. Ich HASSE es, wenn sich die Dinge langsam entwickeln. Warten - der Graus in Wort und Tat. Ich mache gerne alles schnell. Deswegen habe ich auch gerne in der Disse hinter der Bar gearbeitet. Da muß es kleppern. Definitiv lieber wirbeln als die Zeit tot schlagen. Schach? Nicht mein Spiel - da schlafe ich zwischen den Zügen ja ein. Überhaupt: lange auf einem Stuhl sitzen... genau mit deswegen schmiß ich einst die Schneiderlehre.

Hinzu kommt mein Dickschädel. Es wundert mich selbst oft, wie wenig Hüte mir passen wollen. Nicht, dass ich Hüte tragen würde, aber wenn, dann wären mir die meisten zu klein. So weiß ich doch oft, wie ich was gerne hätte und wenn mir das Leben da einen Strich durchzieht, dann kann ich das persönlich nehmen. Man durchkreuzt also besser nicht meine Pläne. Nur überhört die Welt nur zu gerne meine Marsch-Route. Bref, um mich zu prüfen, reicht es, wenn sich die Dinge um mich (scheinbar, eingebildet oder tatächlich) zäh entwickeln. Hach, prompt bin ich aus dem Tritt, nirgendwo mehr Fluß und Flow und ich merke, wie sich meine Unterlippe schmollend verspannt. Schlimm. Und ich bin mir so gar nicht sicher, ob sich derlei Baustellen mit dem Älterwerden bessern. Aber wie haut eine Freundin raus, wenn Plattitüden dringend gefragt sind: Life is a rollercoaster. So siehts aus.

Was Balsam auf die geschundene Seele, wenn die angezogene Handbremse gelöst wird und sich dazwischen ein Moment schiebt, in dem so gar kein Sandkörnchen im Getriebe den Ablauf stört. Das zählt dann unbestritten in die Rubrik #was schön war.

Seit Donnertag Abend wird das neue Jahr eingeläutet - drei Tage lang. Nach chinesischem Kalender beginnt nun das Jahr des Erd-Hundes. Um uns wird geknallt, geopfert, gebetet und gefestelt. Und ausgerechnet ich, die Königin aller Sylvester-Muffel feierte einen Neujahrs-Moment, der mir für die Ewigkeit bleibt.

Ein Moment, der vom Himmel fiel: unerwartet, plötzlich, spontan. Dazu eine Nacht, die klarer, stiller, wolkenloser, wohl temperierter nicht hätte sein können. Bei gänzlicher Windstille funkelten die Sterne wie poliert am Firmament. Und da standen wir zu viert, zusammengewürfelt und doch irgendwie zusammengerufen, ohne viel Worte zu verlieren, aber dabei doch so beredt wie man sprachlos nur sein kann, ganz eingespielt, jeder fand direkt seinen Platz, jeder kleine Handgriff saß. Alles folgte wie von alleine einer natürlichen Selbstverständlichkeit (seufzz, wenn doch Leben immer... aber lassen wir das).

So standen wir also - dank Bent und Marianne - jeder an seiner Ecke des hauchzarten Lampions aus Pergamentpapier, hielten sanft unseren Zipfel, während Bent die Flamme anzündete, öffneten alle im gleichen Moment unsere Finger - als die Wärme den Lampion aufblusterte wie eine sich entfaltete Blüte - und schauten zu, wie unser Licht schwebend höher und höher und höher stieg, in leicht geschwungener Linie, so hoch bis es sich unter seinesgleichen einfügte, kaum unterscheidbar unter dem Sterneglizzern nur rötlicher in der Farbe, so weit flog unser Licht, bis jeder einzelne unserer Wünsche mit Gewißheit oben angekommen war. Ein kleiner Augenblick, der Gänsehaut erzeugte. Ein Moment schlicht, makellos, nicht wiederholbar.

Nahezu perfekt - immerhin - sind auch diese Kastanien-Pfannkuchen mit dem orientalischen Wirsing. Ich mochte die Kombination der Aromen sehr. Und  für alle Zuckermäuler lege ich die Kastanienpfannkuchen auch in einer süßen Variante ans Herz - mit Schokocrème und Bananen zum Beispiel dürften euch eure Kinder diese Crêpes nur so aus der Hand reißen.


Zutaten 2-4P*:

für ca. 6 Stück
120g Kastanienmehl, gesiebt
2 Eier
150ml Mineralwasser (evt. plus)
50ml Milch
Salz
Öl zum Braten

1 kleiner Wirsing
1 Zwiebel
2 Knoblauchzehen
1 guten Schuß Noilly Prat
100ml Kokosmilch
150ml Gemüsebrühe 
1/2 TL Kreuzkümmel
1 1/2 TL Ras el Hanout
Salz, Pfeffer
30g Raddicchio
(optional: getrocknete Feigen/ Aprikosen/ Rosinen)
Rapsöl

Zubereitung:

Den Wirsing halbieren, entstrunken und in mittel-feine Würfel schneiden. Den Ofen auf 180° (Umluft) vorheizen. Den Wirsing in eine Schüssel mit 1-2 EL Öl und dem Kreuzkümmel vermengen. Etwa 20min im Ofen rösten bis sich die ersten gebräunten Stellen zeigen, dabei zwei Mal wenden.

Die Zutaten für die Kastanien-Pfannkuchen zu einem homogenen Teig verquirlen und ca. 15min quellen lassen - evtuell dann noch einen Schluck Mineralwasser zufügen.

Die Zwiebel und den Knoblauch fein würfeln. Beides in wenig Öl glasig dünsten. Gen Ende das Ras el Hanout kurz mitrösten. Mit Noilly ablöschen. Kokosmilch, Gemüsebrühe gemeinam mit dem Wirsing in den Topf untermischen, Deckel auflegen und bei kleiner Flamme etwa weitere 10min köcheln lassen, bis der Wirsing gut gar ist. (Wer mag gibt hier klein gewürfeltes Trockenobst dazu).

Parallel nacheinander die Kastanien-Pfannkuchen backen (m: in Pfanne von 20cm Durchmesser) und warm stellen. Vorsicht: die Kastanien-Pfannkuchen sind etwas brüchiger als die üblichen Pfannkuchen. Daher nicht ZU dünn ausbacken und die erste Seite vor dem Drehen gut knusprig backen.

Zusammen mit dem Wirsing servieren.

*Anmerkung m: ganz sicher, für viele Personen die Rezeptmenge reicht, bin ich mir hier nicht. Uns haben die Kastanienpfannkuchen gut gesättigt - möglich, dass andere gut und gerne jeweils zwei davon verputzen.


Montag, 12. Februar 2018

12 von 12 - Februar 2018

1. fast ein petit crème nur süßer durch die gezuckerte Kondensmilch
2. nicht zu vergessen der Obstsalat, der vorausging mit diesen kleinen, zimtig-zitronigen Bananen
3. zusammen mit den Mangos und der Papaya vom Markt...
4. von wo ich auch die Mangosteen erbeutete, die mich besonders erfreuen
5. wir überwintern mit den Störchen - das könnte ich wohl erklärend vorausschicken
6. durchaus in Strandnähe - wo ich meiner Lieblingssinnlosbeschäftigung nachgehe: Muscheln suchen
7. und durchatmen... wie man das halt so macht mit Meerluft vor der Nase
8. zwischendurch wird geknabbert: Wiederentdeckung des Puffreis in neuer Geschmacksrichtung
9. und zum Lesen findet sich wohl auch ein Minütchen - ein guter Büchertausch
10. kleine Pflichten wie Laundry rutschen nebenher - lieber halte ich den nächsten Snack ins Bild
11. Passionsfruchtsaft - Schmusie: die geschretterten Kerne knirschen wie Sand zwischen den Zähnen...voll egal
12. um vielmehr als Essen habe ich mir scheinbar keine Gedanken gemacht - typisch Foodblog, oder?!

Mehr Eindrücke zum 12. Februar werden wie stets zum *12 von 12*-Event bei Madame Kännchen aka Caro gesammelt!
 

Freitag, 9. Februar 2018

Aus dem Hut - Curry mit geröstetem Gemüse, Zitronengras und Kurkumawurzel


An der Werkstatttür zu den Bühnenplastikern der Berliner Oper hing ein kleines Comic bestehend aus zwei Bildern: auf dem ersten Bild ist ein großer, unbehauener Block zu sehen samt einem Bildhauer im Overall, der davor steht. Auf dem zweiten Bild hat der Bildhauer den Block bereits seit einer Weile mit seinen Werkzeugen bearbeitet und das Tier mit seinem unverwechselbaren langen Rüssel, den großen Ohren und den mächtigen Plattfüßen ist deutlich zu erkennen. Neben dem Bildhauer steht nun ein kleines Mädchen, dass ihn verdutzt anschaut und fragt: *Und woher wußtest du, dass da ein Elefant drin versteckt war?*

Tja, und an manchen Tagen schaue ich auf die gleiche Weise  wie das Mädchen den Bildhauer unser Gemüse an und frage interessiert nach: *Und was steckt in euch? Irgendwelche Ideen? Tendenzen?* Die hochgeschätzte und ebenso vermisste Frau Hedonistin postulierte gerne, dass wenn sie ratlose Kreise in der Küche dreht, sie nur damit begonnen müsse, Zwiebeln anzuschwitzen. Mit dem Geruch in der Nase entwicklen sich die Dinge am Herd zum Selbstläufer.

Gleiches gilt, wenn man eine Fuhre kleingeschnittenen Gemüses einfach in den Ofen schiebt. Irgendetwas Essbares kommt bestimmt bei raus. Das hat sich hier schon vielfach bestätigt. Mit Pasta geht derlei Gemüse prinzipiell oder halt ganz schlicht, oder als Ottolenghi Klassiker (der gab der Ofenrösterei schließlich den Startschuß) mit Blumenkohl - in zig Varianten - mit Fenchel... Und mit Zucchini oder Tomate fange ich in der Aufzählung erst gar nicht an... da würde ich ja gar nicht mehr fertig. Ein paar wahllos herausgegriffene Beispiele - nur um euch zu zeigen, wie man mit diesem Trick auch ohne jeden Musenkuss ein Kanninchen aus dem Zylinder zaubert. Und bei Suppe samt Ofengemüse sind wir gar bei zwei Karnickeln!


Zutaten 4P:

1 Zwiebel
2 Knoblauchzehen
1 Paprika, rot
1 Paprika, gelb
1/4 Blumenkohl
100g 
Champignons*
2 Karotten
1 Süßkartoffel
1 Stange Zitronengras
2 Kefirlimettenblätter
(wer hat)
1 Stück Kurkumawurzel (ca. 5cm)
400ml Kokosmilch
150ml Gemüsebrühe
2-3 EL Öl (m: Raps)
Salz, Pfeffer
etwas frischer Koriander
Curry

Zubereitung:

Ofen auf 200° vorheizen.

Die Zwiebel schälen und mittelfein würfeln. Den Knoblauch fein hacken. Die beiden Paprika entkernen, mit dem Sparschäler schälen und in Streifen schneiden. Die Blumenkohlröschen in kleinere Stücke teilen. Die Pilze säubern und vierteln. Alles in einer Schüssel mit dem Öl und einem kleinen Teelöffel Salz vermengen. In eine ofenfeste Form oder das Backblech setzen und im heißen Ofen ca 25min garen - zwischendurch 2-3 Mal das Gemüse wenden.

Die Süßkartoffel in 1cm Würfel schneiden. Die Karotten putzen, der Länge nach vierteln und in kleine Stücke schneiden (so paßt das dann zusammen mit der Garzeit). Das Zitronengras mit dem Messerrücken klopfen (so öffnen sich die Fasern) und halbieren. Die Kurkuma fein reiben (Vorsicht: färbt Finger wie Reibe). Vom Koriander Grün und Stiele von einander trennen. In einer großen Pfanne die restlichen Zutaten: Gemüsebrühe, Kokosmilch, Curry, Zitronengras, Kefirlimettenblätter, Korianderstiele. Kurkuma, Karotten und Süßkartoffeln erhitzen und etwa 10min köcheln. Das ofengeröstete Gemüse untermengen und weitere 2min garen. Nochmals abschmecken, Zitronengras, Kefirlimettenblätter und Korianderstiele entfernen. Zum servieren mit dem klein gehackten Koriander bestreuen!

*Anmerkung m: wer mag ersetzt die Champignons hälftig durch Sithake-Pilze und läßt diese in der Brühe mitkochen... 

Sonntag, 4. Februar 2018

Methusalem-Minestrone


Die über Hundert Jahre alte Sizilianerin Tonia Nola wurde nach dem Geheimnis ihres hohen Alters gefragt und sie antwortete: *Heiter und ohne Stress arbeiten, nicht neidisch sein und viel Minestrone essen*. Tja, so schlicht könnte sich das Pamphlet einer  Sekte lesen, das Manifest einer Gesundheitsbewegung oder das Transparent eines Weltverbesserers. Aber wirklich um den Finger wickelt es nur aus dem Mund einer Hundertjährigen, oder?

100 Jahre, *Sto Lat* besingen sich die Polen oder prosten sich zu. Aber will man das? Will ich hundert Jahre alt werden? Das wären ja noch ... *rechen*... EWIG!

Tendenziell finde ich die Haltung, etwas auszuhalten, durchzustehen ja nicht die schlechteste. Aber was weiß ich denn? Was weiß ich vom Älter werden, von Krankheit, Schmerzen, Leid? Neenee, da ziehe ich das Genick ein und mache den Mund zu einem Strich - dazu sage ich lieber überhaupt nichts. Vielleicht will ich es irgendwann wie Maud halten und finde, das achzig Lenze, achzig Lenze genug sind... was weiß denn ich!

Örgs. Prompt fällt mir das elendige Queens Lied *Who wants to live forever* ein. Und ich h-a-s-s-e Queen. Jeder hat doch ein paar Bands, von denen er sämtliche Songs unerträglich beschissen findet. Bei mir spielt eben Queen in dem Club der Degradierten. Oder die Scorpions. Oder... aber lassen wir das. Wobei ich an die Freddy Mercury Bar in der sagenhaft faszinierenden Stadt Sansibars (dem Geburtsort eben jenes) die besten Erinnerungen habe: in dem Viertel Jahr, in dem wir uns dort aufhielten, glich Stone Town einem Backofen und die Kleider klebten bereits nach wenigen Schritten schweißnass am Körper. Aber in dieser jener Bar direkt am Meer wehte selbst in der Mittagsglut ein frisches Windchen. Ich bin wieder abgekommen...

Die Wissenschaft hält es ja durchaus für realistisch, dass schon bald jeder zweite von uns (!) über 100 Jahre alt werden könnte. Durchaus eine Rahmenbedingung, die Denkanstoß bietet. Allein in den letzten hundert Jahren hat sich unsere Lebenserwartung gar verdoppelt. Und selbst das Erreichen von 150 Jahren scheint nicht mehr ausgeschlossen. Aber - und jetzt kommt das *Aber* (... als hätten wir es nicht gewußt): die durchschnittliche Lebenserwartung (also ebenso die zukünftige) ist stark gekoppelt an Bildung und Einkommen. Wie heißt doch ein alter, küchenaffiner Spruch, der wohl über Jahrtausende unverändert bleiben wird: Fett schwimmt oben.

Eine kleine Seitentür der Möglichkeiten bleibt bestehen - womit wir wieder bei Tonia Nola wären - es sei denn, man vermeidet Neid und Stress, versucht heiter zu bleiben und schüsselweise Minestrone zu essen. Und ich wäre doch kein Serviceblog, wenn ich mich nicht um eine fröhliche Gemüsesuppe für euch gekümmert hätte, die in kalten Zeiten wie diesen Herz und Bauch erwärmt. Ich bitte euch... Soll einer sagen...


Zutaten - 2P:

1 Zwiebel
2 Knoblauchzehen
1 Stange Lauch
1 Stange Sellerie
1 kleine Kohlrabi
3 Karotten
2 Kartoffeln, festkochend
1 handvoll fêves (oder Erbsen)
1 EL Tomatenmark
1 TL dunkle Miso-Paste
100ml Veggie-Jus
500ml Gemüsebrühe (eventuell plus)
2 Lorbeerblätter
1 Msp Pimenton dela vera
Harissa
Salz, Pfeffer
Rapsöl
100g Crozets 
Olivenöl
frische Kräuter zum Beträuen
(m: etwas Basilikum-Pesto) 

Zubereitung:

Die Zwiebel fein würfeln, ebenso den Knoblauch, das Weiße und Hellgrüne des Lauchs in Ringe schneiden, den Sellerie fein hacken. In wenig Olivenöl anschwitzen. Das Tomatenmark unterrühren und ebenfalls kurz mitrösten. Die Gemüsebrühe anschütten, den Veggie-Fond sowie die Lorbeer-Blätter und Miso zugeben und zum Kochen bringen. Die Crozets zufügen, Deckel auflegen, 5min köcheln lassen, dann die in kleine Würfel geschnittenen Kartoffeln und die in Scheiben geschnittenen Karotten zufügen, Deckel auflegen und ca. 10min köcheln lassen.

Nun den klein gewürfelten Kohlrabi zufügen. Weitere gute 5min köcheln. Den Eintopf mit Salz, Pfeffer, Harissa und Pimenton abschmecken. Kurz vor dem Servieren die geforenen Saubohnen untermengen und direkt in der Suppe warm ziehen lassen. Gegebenenfalls - wers suppiger mag - noch etwas Brühe nachschütten. Auf tiefe Teller verteilen, mit frischen Kräutern oder Pesto garnieren und duftend auf den Tisch stellen.

*Anmerkung m: die Crozets SIND in dem Eintopf - auch wenn sie sich unsichtbar abgesetzt haben... das müßt ihr mir einfach glauben. Eine schöne Variante finde ich, die Crozets nicht in der Suppe gar ziehen zu lassen, sondern getrennt in Brühe gar köcheln zu lassen und sie dann als Einlage vorher knusprig zu braten - s. Rezept Crozets

Die Jamie Minestrone bleibt eine gute Idee, vorallem das Gemüse nacheinader anzubraten bringt zusätzliches Aroma - falls ihrs weniger deftig wie heute wollt...


Mittwoch, 31. Januar 2018

Zeremonie: Frische Tagliatelle mit Butter-Kohlrabi


Wenn ich auf Flohmärkten Orden entdecke, dann bleibe ich wie festgelebt stehen. Sehr faszinierend dieses Gehänge! Und immer, wirklich immer spiele ich mit dem Gedanken, zuzuschlagen. Ich finde die Vorstellung ja zu witzig, mich selbst mit Orden zu dekorieren. Um ganz adaptiert an *La Grande Nation* (in der immernoch einige Unverwüstliche bereits die französische Nationalität für eine Auszeichnung halten) ein bißchen Napoleon für Arme zu spielen. Man fängt schließlich nicht gleich mit der eigenen Kaiserinszenierung an, man bäckt ja zuerst mal kleinere Brötchen. Vielleicht für besondere Verdienste in der händischen Unkrautvernichtung rund ums Domizil.... beispielsweise. Nich, so angesteckt an einem schönen Wollpulli. Oder halt klassisch an dem Revers einer Jacke. Schon schick. Das wertet womöglich ein ganzes Outfit auf wie ein Broschenersatzeyecatcher. Jetzt rein unter dekorativen Aspekten...

Wobei ich aus eigener Erfahrung weiß, dass es heikel sein kann, mit dem zu kitzeln, was andere für eine heilige Kuh halten. Da sind SEHR schnell die Grenzen der Witzigkeit erreicht. Stichwort Fußball etwa. Über Fußball gelästert wurde hier schon mehrfach leidenschaftlich. Allein die Welt der Fanartikel, tssss... oder!? Auch so ein Flohmarktfund: die KSC-Kniestrümpfe. Ha, dachte ich einst als lebenslustige Karlsruherin, das kann man doch mal machen, so mit einem Jeansröckchen samt ambitioniertem Lokalcolorit. Tja, das dachte ich so lange, bis ich Rolf*, meinen nerdigen Arbeitskollegen traf, der mir mit Überschwang schier um den Hals fiel: *Ey, ich fasse es nicht, Micha, du auch KSC-Fan. Da könnten wir ja mal zusammen...* Ein unschönes Scharmützel nahm seinen Lauf. Mich aus der Sitaution wieder rauszuklabüstern, ohne dass unser kollegiales Verhältnis zu sehr Schaden nahm, glich einem Staatsstreich. Dewegen läßt man (wenngleich bedauernd seufzend) lieber die Finger von Dingen, die andere so bierernst nehmen. Wie eben halt Orden. Oder Vereinswimpel. Oder dergleichen

Aber Schungejunge, das Bild von dem abdankenden Prinz Philip, das mir ins Auge stach (ich hab' ja schließlich ein Blick dafür) macht wohl Eindruck: der besitzt ein ganzes LINIAL an Orden. Habt ihr gesehen: die Halterungsstange muß an beiden Seiten über das Revers hinaus verlängert werden. Ob Philippo noch blind alle aufsagen könnte plus deren Symbol? Wirklich, das volle Brett Orden. Mehr geht nicht. Nur halt nicht mehr ganz so zierend, da leidet jetzt die Optik, weil die Proportionen am Revers nicht mehr stimmen. Ob das Ding an der Kravatte auch ein Verdienst darstellt? 

Sehr erheiternd übrigens seine Aussage über sich selbst, er sei der *erfahrenste Gedenktafel-Enthüller der Welt*. Mit den globalen Königshäusern habe ich es nun wieder gar nicht, weswegen ich  an der Stelle doch recht froh bin, bereits als Kind an Fasching lieber Indianerin gespielt zu haben als Prinzessin. Nicht mein Tätigkeitsfeld - wenngleich womöglich das Verleihen von Orden wieder mehr Spaß bringen könnte...

Da paßt es doch ausgezeichnet, noch einen Schlenker zum aktuellem Szene-Geschehen zu drehen: ich freue mich für Kolleginnen, die sich ab sofort *gülden* nennen dürfen. Es freut sich doch gleich doppelt, wenn die Abstimmung in großen Teilen meinen eigenen Geschmack berücksichtigte (selbst der erwählte Food-Blog fand auch hier schon vor Jahren großen Gefallen). Herzlichen Glückwunsch! Jetzt muß nur dafür gesorgt werden, dass die Buddenbohm-Gang ebenfalls solch einen Pokal in Händen halten darf - dann bin ich mit dieser Verantaltung ganz im Reinen!

So, was essen wir den orden-tliches dazu? Tja, da landen wir nahezu vollautomatisch bei frischer Pasta - eine Alltags-Zeremonie, auf die wir besonders gerne zurückgreifen.

*Name von der Redaktion geändert


Zutaten 2P:

gleiches Rezept wie hier
2 Kohlrabi
70g Butter
1 Schuß Noilly Prat
fleur de sel
Pfeffer
1 Pr Zucker
1 Scheibe Brot vom Vortag, fein gewürfelt
etwas Thymian
1 Knoblauchzehe

Zubereitung:

Auf den Zutaten für den Nudelteig mit Geduld und Sorgfalt einen geschmeidigen Teig kneten, in Folie wickeln und mindestens 1 Stunde kalt stellen. Mit der Nudelmaschine zu Stufe 6 von 7 auswellen, auf der Arbeitsfläche noch etwas dünner und schließlich zu Tagliatelle schneiden. In Nestern auf ein Küchentuch ausbreiten.
 
Die Kohlrabi schälen und in Würfel von 1/2cm schneiden. In etwa 60g Butter den Kohlrabi glasig dünsten - der Kohlrabi sollte noch etwas Biss bewahren -, dabei den Schuß Noilly anschütten und mit Salz, Pfeffer und einer Prise Zucker würzen. Dabei leicht überwürzen, denn die Nudeln schlucken einiges davon.

Parallel das gewürfelte Brot mit der restlichen Butter und dem Thymian und der halbierten Knoblauchzehe kross braten und zur Seite stellen.

Außerdem gleichzeitig reichlich Salzwasser zum Kochen bringen und die Nudeln al dente garen, abschütten, etwa Pastawasser auffangen und die Tagliatelle direkt mit dem Butter-Kohlrabi vermengen - gegebenenfalls noch etwas Pastawasser zufügen, um die Bindung sämiger zu machen.

Sofort mit den Croûtons servieren. 


Samstag, 27. Januar 2018

Unbewusste Feuerwehrleiter innerhalb der Familie


Unermesslich eigentlich die Unterschiedlichkeit der Menschen. *Wir stehen doch alle vor einem dichten Lattenzaun und jeder schaut nur aus seinem kleinen Guckloch nach draußen* sagte eine Freundin zu mir, während sie mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand einen kleinen Kreis formte, vor das rechte Auge schob und dabei das linke zukniff. So viele subjetive Wahrnehmungen.

Die Homöopathie versucht diese unterschiedlichen Blickwinkel mit den zu ihnen gehörenden Motiven durch sog. *konstitutionelle Mittel* auszuloten - ein kniffeliges Unterfangen. Zudem gibt es weitere Mechanismen, nach denen in der Anamnese gestochert wird. Ahnenforschung, bzw. die Suche nach dem *Familienkarma*: wie war es bei der Großmutter, dem Vater, der Tante... Doch es ist schwer, dabei Licht ins Dunkel zu bringen. Die Abende vor dem Kamin innerhalb der Familie, die illustren Momente nach einem guten Essen, in denen über dunkle Stunden der Vergangenheit gesprochen werden, kommt selten bis nie zustande. Zu sehr hängen wir alle an unserer Fassade. Ach, und überhaupt: das empfindliche Thema *Herkunft*. Es wird beharrlich geschwiegen.

Wundersames können dabei Familienaufstellungen zu Tage förden - wie bei allem abhängig von der Person, die sie leitet. Manchmal reichen dafür bereits eine handvoll Playmobil Figuren. Alleine wie jemand die kleinen Männchen in Position bringt, sagt viel über die Beziehungen untereinander.

Dank meinem letzten Mädelsurlaub, den Gepräche mit ihnen und bedingt durch deren Berufe eröffnete sich mir, dass aus verschiedenen Bereichen gerade das gleiche Phänomen beobachet wird - jeweils mit den gleichen Konsequenzen auf menschliches Verhalten. Es wird nur je nach Sparte anders benannt - ganz typisch für wissenschaftliches Arbeiten, deren höchste Kunst wiederum darin besteht, Forschungsergebnisse über den Rand ihres Spezialgebietes hinaus zuführen, hin zu größeren Zusammenhängen. Es ist mir völlig bewußt, dass bei Stichwörtern wie *Homöopathie* viele abfällig die Nase rümpfen. Vielleicht hilft genau jenen ein neuer Name, um Phänomenologie unvoreingenommener zu betreiben.
 

Das, was ich seither nur als *Familienkarma* kannte, bezeichnet  Psychologie wie Soziologie als *transgenerationale Weitergabe von Traumata* - die unbewußte Weitergabe von bestimmten Verhaltens- und Beziehungsmuster, die sich in Familien wie ein roter Faden von den Urgroßeltern, Großeltern, Eltern bis zu den Kindern durchziehen. Meint also genau das Gleiche und ist dabei nicht minder fasinzierend - ein sehr empfehlenswerter Artikel hierzu beim Deutschlandfunk: Bis ins vierte Glied - Traumata prägen auch die Kinder.

Ähnliches erforscht gleichzeitig die Medizin in der sog. *Epigenetik*: Lebensumstände und Lebensstil geben den Ausschlag, ob bestimmte Gene zu einem bestimmten Zeitpunkt aktiviert oder deaktiviert werden: s.traumatische Erlebnisse prägen das Erbgut oder hier: Wirkt die Umwelt auf unsere Gene

Unabhängig voneinander waren wir uns einig, dass die zwei Kriege im vergangenen Jahrhundert mehr Spuren in unserer Gesellschaft und dem Miteinander hinterlassen hat, als seither nur ansatzweise ein öffentlicher Diskurs wert war.

Dörthe Hansens Buch dient mir hierfür wunderbar zur Veranschaulichung. (Übrigens ebenfalls sensationell, wie sie es schafft, eine zutiefst traurige Geschichte lustig zu erzähen.) Der Haupthandlungsstrang in ihrem Roman dreht sich exakt um das Thema *weitergetragene Familiengeschichten*. Das Motiv in *Altes Land* nennt Dörthe (erneut sensationell) poetisch *Frostschutz durch Vereisung*. Vermutlich um irgendwie die traumatischen Kriegserlebnisse zu verabeiten, verschanzt sich eine Frau in sich selbst, strahlt Kälte aus und erträgt keine Nähe. Was sie weitergibt an ihre Tochter und deren Tochter. Mit dem dazu gehörigen Unglück.

*Vera hatte keine Ahnung, ob Hildegard von Kamcke schon immer Eis getragen hatte, wie andere Frauen Fuchspelz oder Nerz, geerbt von ihren Müttern. Ob dieser Mantel auch ein Erbstück war, oder ob sie ihn erst trug, seit man sie durch den Schnee getrieben hatte mit ihren Kindern.* 


Schwebend wie ein Planktonteil von der Strömung mitgerissen (auch ein Dörthe-Bild), gerät man in Abläufe, zu denen man bewußt - oder willentlich  -nicht viel beigetragen hat. Oder man glaubt, seine eigene Melodie zu singen, ohne zu merken, dass sich in das Stück wieder und wieder das gleiche Thema einschiebt - wie schon bei den Eltern. *Das also ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortwährend immer Böses muss gebären.* So habe ich das  - leider - auch erlebt. Die Halbschwester meines Vaters wurde einst ebenso aus der Familie verstoßen wie ich. Und ich wiederum habe als junges Mädchen abgetrieben, wie auch ein weiteres Familienmitglied (um nur ein Detail aus einem Konglomerat zu nennen). Warum setzten sich solche Geschichten fort? Und die noch brennendere Frage lautet: wie kann Heilung aussehen?

Wie in *Altes Land* geschildert gehen diese Prozesse mit Schmerzen einher. Aber ohne dieses Leid würde man weiterhin meiden, sich zu stellen oder nach Ursachen zu forschen. Alle  Hüllen fallen lassen, keine Scheu vor Nacktheit, geistiger Nacktheit, plus dem Ausbrechen aus einem lang etablierten (Familien)System - das wie alle Systeme auf Systemerhaltung programmiert ist - dafür braucht es einen nahezu unmenschliche Willen.

Die gleiche - anfangs erwähnte - Freundin zog ein Vergleich zur Physik. Um eine Masse aus dem Stand anzuschieben, bedarf es eines viel größeren Kraftaufwandes, als um eine Masse, die bereits in Bewegung ist, in Bewegung zu halten. Sie meinte, aus diesen transgenerationalen Prozessen herauszuwollen, gleiche dem Sprung aus einem fahrenden Zug. Schaffst du das, dann stehst du erst einmal da: ohne Zug, ohne Schienennetz und ohne den nötigen Schub, der eine neue Kiste in Bewegung setzt.

Gewiss ist jedoch, dass ohne dass solche Muster ins Bewußtsein hochgezogen werden, es keine Erlösung gibt. Dabei geht es mitnichten um die Klärung von Schuld - vermutlich der größte Hemmschuh bei der Suche nach Klärung - ,es geht um das Herrausschälen von Wahrheit, dem Durchbrechen von Mauern des Schweigens, dem Erkennen von Motiven - Motive, die chronisch wurden und ein Eigenleben entwickelten. *Was du von deinen Eltern erbst, erwirb es, um es zu besitzen* zitiert auch Dörthe Goethe. Und für was? Nur so ist Befreiung wie Freiheit, Selbstbestimmtheit wie Selbstverantwortung möglich. Ein harter Reifen - bei dem Unterstützung Not tut.


... mein heutiger Beitrag zu Katjas samstäglichen *Himmelsguckern*....

Mittwoch, 24. Januar 2018

Genusssüchtig: Linsenreis mit Möhren


Nichts ist so alt wie die Zeitung vom Vortag; sie reicht gerade noch, um Fisch darin einzuwickeln  - heißt es. Mir fällt etwas ein, was noch mehr nach Muff vergangener Zeit riecht. Dagegen ist Patchouli, das alte Mottenpulver, ein ungestümer, aphrosidierender Aufreißer-Duft. Und zwar die Vorsätze von komplett verjährten Jahreswechseln.

Aber ganz im Sinne von *Laß doch mal das Gute (bien sûr meine Interpretation davon) Schule machen*, kann ich verkünden: wir haben einen Vorsatz ganz gut umgesetzt bekommen. Das kann man ja nicht allzu oft an die Glocke hängen. Und zwar *Entlastungstage* regelmäßig einzuführen. Keine tierischen Produkte, nicht zu fettig, viel Gemüse - joh, vielleicht schon eine Art *Schonkost*... sagen wirs wie es ist, das böse Wort. Nich, und mit *Schonkost* wird ganz schnell *genußarm* assoziiert. Was heute bedeutend abschreckender tönt wie *genußsüchtig*. Tsss, verquere Welt. Mais bon... ich finde ja, das schlimmste, kulinarische Wort - oder von mir aus eines der schlimmsten - lautet *geschmacksneutral*. Das deutet auf Versagen der Köchin hin, was wirklich keiner wollen kann.

Natürlich halten wir das jetzt nicht orthodox, mit Scheuklappen, manisch, wie auf Schienen, zwangsneurotisch, sektoid, paraverquer oder so. Nicht jeden Mittwoch und jeden Freitag. Nein, das passiert irgendwie von ganz alleine. Ohne Druck, aus freien Stücken. Und das ist bestimmt mit einer der Gründe, weshalb ich noch immer lässig Nostalgie-Tage einlegen kann, wenn ich in Klamotten schlüpfe aus meinen 20ern. Das fühlt sich eigentlich ganz wohlig an.

Griff ich in der Periode oftmals nach Hirse, ist es gerade meist Reis. Möglicherweise ist es euch aufgefallen, dass es rein Blog technisch in der letzten Zeit so gut wie keinen Reis gab. Mitnichten - der Schein trügt. Zu meiner heutigen Inspiration gelang ich dadurch, dass ich einem Link zu Salzkorn zurück gefolgt bin. Wen ich zu inspirieren vermag, der könnte wechselseitig genauso mich anregen. Und siehe da: so war es auch.

Zutaten 2P:

100g Reis (Vollkorn)
100g Berglinsen
400g Wasser
5cm Kombu-Alge
1 Stück Ingwer
1 Scheibe Ingwer

Reis Linsen und Gewürze mit dem Wasser (ohne Salz) aufsetzen und zum Kochen bringen - ca, 15min köcheln lassen, dann Flamme ausschalten und weitere 15min quellen lassen. Salzen (m: mit Kräutersalz)

4 Möhren
2 TL Mandelmus
100ml Gemüsebrühe
1 TL Koriander, frisch geschrotet
1 TL Honig (m: Thymian-Honig)
Salz, Pfeffer
Piment d'Espelette 
1/2 Bund Koriander-Grün

Die Karotten schrubben, je nach Größe vierteln oder in Scheiben schneiden und zusammen mit der Gemüsebrühe, dem Mandelmus und dem geschroteten Koriander ausetzen. Bei schwacher Hitze sanft schmurgeln lassen, bis die Karotten gar sind, aber noch leichten Biss haben. Abschmecken mit Salz, Pfeffer, Piment und zuletzt dem Honig. Gemeinsam mit dem Linsenreis servieren und das Koriandergrün grob gehackt darüber streuen.

Inspiration: einfach kochen

Sonntag, 21. Januar 2018

Zurechtgemacht: Tomaten-Gnocchi mit sahnigem Rosenkohl


Wenn man als Paar oder Familie in Deutschland sagt: *Wir machen es uns heute gemütlich*, grenzt man sich ab, ohne dem anderen die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Obwohl man exakt das tut. Sorry, wer hier nicht wohnt, muß heute leider draußen bleiben. Sonntage, dunkle, graue,  regnerische, kalte Sonntage sind der Gemütlichkeit zuliebe überhaupt erst erfunden worden. Der Rückzug ins private Nest mit Wollsocken an den Füßen - den niemanden etwas angeht. Zeugen unerwünscht. Besuch sowieso.

Schade nur, dass es diese Redewendung im Französischen nicht gibt. Und sich auch nicht so einfach umschreiben läßt - wie hier bei Arte in einem hübschen, kleinen Rundumschlag erklärt wird. Wirklich schade! Zu gerne würde ich manchmal darauf zurückgreifen. So ein einfacher Satz und so selbsterklärend. Die freundlichste aller Arten an die Türklinke ein Schild zu hängen: *Do not disturb*. Lieb gemeinte (wie das so gerne vorweg geschoben wird, bevor einer gleich disst) 0 Punkte für die Außenwelt. Internes Maxi Cosy!

Im deutschsprachigen Raum brauche ich niemand zu erklären, dass es bei der Umsetzung von Gemütlichkeit die verschiedensten Ausprägungen gibt. Ich beispielsweise bestehe auf eine *Gemütlichkeitshose*, also eine, die unter keinen Umständen irgendwo unnötig zwickt. In Süddeutschland auch *Schlabber-oder Schlumpelhose* genannt. Und - logo, Kochblog - en plus was anständiges zum Essen. Und Kissen. Und jetzt nicht ZU viel Bewegung. Andere Eckpunkte sind durchaus variabel. Strenge oder generell einengende Vorgaben beißen sich bekanntermaßen mit Gemütlichkeit.

Aber Grenzen lassen sich in meinem Gemütlichkeitsreich ziehen. Jogginghosen etwa müßten schon extrem stylisch und mit geradezu beeindruckender Selbstverständlichkeit getragen werden, um nicht das Edikett *Verwahrlosung* zu erhalten. Das nämlich hat mir der Habib beigebracht: *Vergeude deine Zeit nicht, in dem du der Anerkennung der falschen Leute hinterher rennst.* Kann ich nur weiter empfehlen. Lieber adrett zu hause als auf der Straße. Da halten wir es arabisch. Ohne zu übertreiben und in die andere Richtung gen Stylingfieber zu kippen, versteht sich. Sicherheitshalber - um allen Missverständisse vorzubeugen - umsingt das der Monsieur Aznavour in charmantestem deutsch-französisch!

Uns habe ich ein passendes Essen gekocht. Nix gästetaugliches (weil... eben), nix herrausragend raffiniertes. Mit Béchamel-Saucen gewinnt man heutzuztage sowieso keinen Blumentopf mehr. Darin versenkt eine ordentliche Portion geschätzten Rosenkohls. Einen, den so viele und so unverständlicherweise verachten. Das kleinste und beste aller *Wirs* mag die Kombi aber zu gerne.


Zutaten 2P:

Gnocchi*:
250g Kartoffeln, mehligkochend
1 Eigelb
100g Ziegenfrischkäse (original: Ricotta)
75g Mehl (evt. 25g plus)
30g Parmesan, frisch gerieben
50g délice de tomate*
Salz, Pfeffer
Piment d'Espelette

500g Rosenkohl
1 Schuß Noilly Prat
100ml Sahne
Butter
Mehl
Kräutersalz
1-2 EL weißer Balsamico
Pfeffer

Zubereitung:   

Die Kartoffeln waschen und in einem Topf mit Wasser knapp bedeckt aufsetzen. Die fertig gegarten Kartoffeln abgießen und noch heiß pellen. Die gepellten Kartoffeln zweimal durch eine Kartoffelpresse drücken.

Die durchgepressten Kartoffeln mit dem Ziegenfrischkäse, dem Mehl, dem Eigelb, dem Tomaten-Délice, den Gewürzen und dem Parmesan zu einem glatten Teig mischen. Den Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche zu etwa 2cm dicken Rollen formen. Mit eine Messer in 2cm lange Stücke schneiden. Wer mag formt nun noch nach mit den Händen zu kleinen Kugeln und drückt mit einer Gabel den Gnocchis ein Muster auf. Oder benutzt ein Gnocchibrett (2018 sowas von auf der Wunschliste)

Die Gnocchis in leicht kochendes Salzwasser geben. Wenn sie nach oben steigen, mit einer Schöpfkelle herausheben und in kaltem Wasser abschrecken. Auf einem Teller zwischenlagern, bis alle Gnocchis fertig sind - dadurch abtrocknen lassen.

Parallel dazu den gewaschenen Rosenkohl in kaltem Wasser aufsetzen und so lange garen, bis er noch etwas Biss hat. Abschütten, das Kochwasser auffangen (und wer mag blanchiert den Rosenkohl der hübscheren Farbe zuliebe). Mit Butter und Mehl eine Roux herstellen, das Rosenkohl-Kochwasser nach und nach unter Rühren anschütten - zusammen mit dem Noilly. Mit der Sahne zu einer cremigen Sauce vermengen und würzig abschmecken mit Essig, Salz und Pfeffer.

Die Gnocchi von beiden Seiten in etwas Öl anbraten und gemeinsam mit dem Rosenkohl servieren.

*Anmerkung m: Gnocchi? Meine Spezialität - ich wollte es nur mal wieder erwähnt haben!

Das délice de tomate kann auch durch *Pesto rosso* ersetzt werden. Oder in Öl eingelegte, pürierte Tomaten.


Freitag, 19. Januar 2018

Dörthe - Tomaten-Paprika-Suppe


Zunehmend werde ich ungnädig mit Büchern. Gefällt mir die Handlung, die Motive, die Menschen, die Sprache nicht - Bums - klappe ich es zu und breche ab. Das tat ich früher selten. Nun hatte ich es ja bereits gekauft/ in Händen/ begonnnen... - diese Ausreden lasse ich nicht mehr gelten. Es gibt so viele Bücher - warum sich aufhalten mit mittelmäßigen und schlechten oder eben solchen, die nicht zu mir sprechen. Und ich bin schwierig geworden. Schnäckig. Nenne ich nur *Das Jahr der Flut* von Magret Atwood - so viel Gutes darüber gehört, aber Sience Fiction wird einfach nicht mein Genre.

Umgekehrt schätze ich dafür *literarische Begegnungen* umso mehr. Die lese ich direkt zwei Mal hintereinander und anschließend sieht das Buch genauso gekennzeichnet aus wie mein Inneres. Wie im Falle von Dörthe Hansens *Altes Land*. Auf vielen Seiten habe ich Ausrufezeichen gesetzt und unterstrichen. Fast wehmütig trenne ich mich von dieser Weggefährtin, eine Begleitung durch die Zeit während des Lesens. Was kann diese Frau schreiben! Was eine Beobachtungsgabe!

Sätze wie in Blei gegossen: ein Inhalt - eine Form. Wie gestanzt und paradoxerweise fließt dennoch alles mit großer Selbstverständlichkeit. Oder wie Picassos späte Zeichnungen: fünf Striche - eine Taube. Mit kristalliner Klarheit seziert sie ihre Protagonisten. Man könnte meinen, dass sie sie dabei auseinander nimmt, bösartig, wie mit einem Skalpell. Das tut sie nicht. Sie schält nur die Fassade komplett ab und blickt auf das Wesentliche: die Motive hinter dem Verhalten. Und haben wir nicht alle unseren Hau weg und murgsen, pfuschen, mühen uns irgendwie an unserer Lebensgeschichte - ohne aus unserer Haut zu können. 

Aber jeder von uns hat (ob er will, oder nicht) seine Gegenpositionen, sein Gegenentwurf, sein Gegenüber. Und darin spiegeln sich die Protagonisten und ihre Umrißlinien verschärfen sich. Auf die Geschichte komme ich an anderer Stelle zu sprechen, heute drei kleine Beispiele ihrer gewitzten, schnörkellosen Sprache, damit ihr ein Bild erhaltet, warum ich so Fan bin:

*Sie kamen immer mit diesem netten, selbstironischen Lächeln, aber aus dem Lächeln ragte der Ehrgeiz wie ein kalter Fuß aus einer viel zu kurzen Decke*

*Zwei Leute und ein Kind, lose verhäkelt, drei Luftmaschen. Es hatte eben nicht gehalten. Carola hatte nur ganz leicht am Faden ziehen müssen.*

*Kaffee der schmeckte, als käme er aus einer Asphaltiermaschine. Wie Teer stand er in den Tassen, die Oberfläche schillernd wie Benzinpfützen.*



Dazu ein wärmendes, unkompliziertes Süppchen aus meinen Sommervorräten: Tomate und Paprika, im Glas und eingefroren. Viel zu selten bediene ich mich an unserem immer struppiger und ausladender werdenen Zitronengras. Dabei ist das ein herrliches Gewürz! Wer die Suppe als eigenständige Mahlzeit servieren will, kann gut und gerne Bulgur oder Couscous als Einlage unterrühren - schon braucht es nicht mehr, um gesättigt zu sein.

Zutaten 2P:

1 Zwiebel
2 Knoblauchzehen
1 Glas eingemachte, stückige Tomaten (m: 500g)
2 rote Paprika
(gegrillt, gehäutet)
1 Stange Zitronengras
1 EL Ajvar
Harissa
Piménton de la vera
Salz, Pfeffer
Zucker
125ml Kokosmilch
Kokosöl
2-3 EL gewürfeltes Brot vom Vortag

Zubereitung:

Die Zwiebel würfeln und im Kokosöl glasig anbraten. Kurz vor Ende den Knoblauch und den Pimenton zufüge und mitbraten. Tomaten und die in Stücke geschnittene Paprika zufügen. Das Zitronengras mit dem flachen Messerrücken platt klopfen und so kürzen, dass es in den Topf passt. Kokosmilch anschütten, Ajvar unterrühren und zugedeckt bei leiser Hitze 10-12min köcheln lassen.

Mit Salz, Pfeffer, Zucker und Harissa abschmecken.

Parallel dazu die Einlage vorbereiten - hier kross gebratene Brotwürfel.